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Vorwort zum Jahresbericht 2003

Rochaden alter Männer schaffen keine Zukunft!

Alle fünf Jahre ist bei jeder Aktiengesellschaft die Neuwahl des Aufsichtsrats fällig.
Die meisten deutschen Großkonzerne haben diesen Rhythmus synchronisiert.
Sie wählen immer gleichzeitig, damit ein kleiner Kreis von Multi-Aufsichtsräten
seine Mandate günstig tauschen kann. 2003 war wieder so ein Jahr der großen
Rochade für die mächtigsten Männer der deutschen Wirtschaft.

Henry Mathews, geschäfts-
führendes Vorstandsmitglied

Allein die Herren Schneider (Bayer), Cromme
(Thyssen-Krupp), Baumann (Siemens) und Breuer
(Deutsche Bank) teilen dutzende wichtige Posten
unter sich auf, sitzen oft genug in den gleichen
Aufsichtsräten und „kontrollieren“ sich gegenseitig.
Sie und zwei, drei alte Männer vom gleichen Schlag
mehr dürfen als die wahren Lenker der Wirtschafts-
politik unseres Landes gelten.

Doch wohin lenken sie? Auf zu neuen Ufern?
Fehlanzeige! Starrsinnig wie alte Ochsen behalten
sie als Aufsichtsräte den Kurs bei, den sie Jahr-
zehnte als Vorstände gesteuert haben: Atomkraft
bleibt, Rüstung bleibt, Pestizide, Raubbau und
Ausbeutung bleiben – und natürlich bleiben Frauen
– nämlich vor der Tür, wenn es um Führungs-
positionen geht! Von einer Ausnahme abgesehen
wurden uns 2003 wie gewohnt fast immer reine
Männerlisten zu den Neuwahlen der Aufsichtsräte
vorgeschlagen. Muss ich extra betonen, dass wir
stets dagegen gestimmt haben?

Im Januar 2004 gab das Machtkartell der alten Männer eine bezeichnende
Vorstellung. Baumann leitete als Aufsichtsratsvorsitzender die HV der Siemens
AG in München und Cromme saß als Aufsichtsratsmitglied hinter ihm. Einen Tag
später bei der ThyssenKrupp HV in Essen boten beide die gleiche Darbietung mit
vertauschten Rollen: Dort ist Cromme der Vorsitzende und Baumann einfaches
Mitglied des „Kontroll“gremiums.

Diese beiden Hauptversammlungen finden Sie auch aus einem anderen Grund in
diesem Jahresbericht 2003: Wir möchten Ihnen lieber aktuell aus dem Januar 2004
berichten, als hier die Siemens- und Thyssen-Versammlungen zu besprechen, die
mehr als ein Jahr zurück liegen, wenn das Heft Ende Februar aus der Druckerei
kommt.

Apropos aktuell: Auch in den Kapiteln über Continental, I.G. Farben und Daimler-
Chrysler konnten wir spannende Ereignisse aus dem Januar berücksichtigen.
Wenn Sie es noch aktueller – und bei vielen Themen auch sehr viel umfangreicher
und detaillierter – mögen, dann empfehle ich Ihnen unsere Internet-Seite
www.kritischeaktionaere.de, die monatlich von 10.000 Menschen besucht wird.

Besonders reichhaltiges Hintergrundmaterial aus den jüngsten vier Monaten steht
dort zu unseren laufenden Menschenrechts-Kampagnen. Nicht zuletzt durch diese
gründlichen Analysen war das Medieninteresse gigantisch, als wir zur plötzlichen
Insolvenz der I.G. Farben Stellung bezogen, weil die Zwangsarbeiter dabei leer
ausgehen sollen, und als wir ein Gutachten von Daimler in der Luft zerrissen haben,
weil es die Zusammenarbeit mit der argentinischen Militärjunta schönfärbt.
An beiden Themen werden wir langfristig weiter arbeiten, bis den Opfern
Gerechtigkeit zuteil wird.

Sehr erfolgreich war 2003 auch unsere Zusammenarbeit mit der Umweltschutz-
organisation Greenpeace. Ihre Vertreter sprachen bei der Deutschen Post gegen
den Raubbau an Finnischen Urwäldern, beim Energieriesen E.ON gegen den Import
osteuropäischen Atomstroms und bei DaimlerChrysler für die Einführung von
Dieselruss-Filtern.

Wir konnten den Greenpeace-Aktivisten Rederecht in den Hauptversammlungen
verschaffen, weil Sie, liebe Aktionärin, lieber Aktionär, uns kontinuierlich die
Stimmrechte Ihrer Aktien übertragen und damit ein Standbein für unsere
Arbeit schaffen.

Doch auf dem einen Bein können wir schlecht stehen. Wir wollen
sogar laufen, um für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz
noch mehr zu erreichen. Dafür brauchen wir zwei starke Beine.
Das zweite Bein sind Ihre Spenden und Mitgliedsbeiträge.
Bitte helfen Sie uns, damit wir sicher stehen und
ganz schnell laufen können

Herzlichst Ihr

Henry Mathews

im Februar 2004